Anwälte arbeiten mit Sprache. Genau deshalb sind LLMs für die Branche so wirksam — wenn die Prompts stimmen. Wir zeigen dir 12 erprobte Prompt-Muster, die in deutschen Kanzleien produktiv eingesetzt werden, mit Erklärung warum sie funktionieren.
Ein guter Prompt für eine juristische Aufgabe sieht nicht aus wie der Smalltalk mit ChatGPT, sondern eher wie ein strukturierter Auftrag an einen Referendar. Klare Rolle, klarer Auftrag, klares Output-Format. Die folgenden 12 Muster decken den Großteil des Kanzlei-Alltags ab.
Jeder Prompt ist getestet — entweder bei unserer Pilotgruppe aus 6 mittelständischen Kanzleien oder in unseren eigenen Workflows. Du kannst sie 1:1 übernehmen und nur die [Platzhalter] ersetzen.
Prompt 1: Vertragsanalyse — Erstüberblick
Du bekommst einen Vertrag, willst aber nicht alle 25 Seiten lesen, sondern erst die wesentlichen Punkte sehen.
Prompt: Du bist erfahrene Wirtschaftsanwältin mit Schwerpunkt Vertragsrecht. Lies den folgenden Vertrag und erstelle einen strukturierten Überblick: (1) Vertragsart, (2) Hauptparteien und Rollen, (3) Laufzeit und Kündigungsregelungen, (4) Vergütung, (5) Haftungsregelungen, (6) Geheimhaltung, (7) Gerichtsstand und anwendbares Recht. Markiere drei Klauseln, die ich besonders genau prüfen sollte. Vertrag: [hier einfügen]
Warum funktioniert das: Die Rollen-Definition aktiviert juristisches Vokabular. Die nummerierte Liste zwingt die KI zur Strukturierung. Die Pflicht „drei Klauseln markieren“ sorgt für Priorisierung statt Aufzählung.
Prompt 2: Klausel-Risiko-Check
Wenn du eine konkrete Klausel auf Wirksamkeit oder Risiko prüfen willst:
Prompt: Analysiere die folgende Klausel aus Sicht der schwächeren Vertragspartei [hier: Auftraggeber / Verbraucher / Mieter]. Bewerte: (a) Ist die Klausel wirksam nach deutschem Recht (AGB-Kontrolle, BGB)? (b) Welche Risiken birgt sie für meinen Mandanten? (c) Welche Alternativ-Formulierung wäre fairer? Klausel: [Text]
Prompt 3: Mandanten-Brief — verständlich
Der Klassiker: ein juristisch korrekter, aber für den Mandanten lesbarer Brief.
Prompt: Erstelle einen Brief an Mandant [Name], in dem du folgendes Ergebnis erklärst: [Sachverhalt]. Anforderungen: (1) Sprache verständlich für einen Nicht-Juristen, (2) Schlussfolgerung gleich am Anfang, (3) maximal 250 Wörter, (4) freundlich-professionell, (5) konkrete nächste Schritte am Ende.
Prompt 4: Schriftsatz-Argumentation
Prompt: Entwirf eine juristische Argumentation für meinen Mandanten (Kläger/Beklagter). Sachverhalt: [Beschreibung]. Beanspruchter Anspruch / Verteidigung: [Punkt]. Struktur: (1) Tatbestand kurz, (2) rechtliche Würdigung mit §§-Zitaten, (3) Beweisangebot, (4) Antrag.
Hinweis: Den §§-Zitaten immer prüfen — LLMs halluzinieren gelegentlich Paragraphen.
Prompt 5: Recherche-Brief
Prompt: Recherchiere die aktuelle Rechtsprechung zu folgender Frage: [Frage]. Stelle dar: (1) BGH/relevante OLG-Entscheidungen der letzten 3 Jahre, (2) Tendenz der Rechtsprechung, (3) wesentliche Argumente Pro/Contra, (4) Empfehlung für unseren Fall. Quellen-Zitate mit Az., Datum und kurzem Kerninhalt.
Prompt 6: AGB-Prüfung
Prompt: Prüfe die folgenden AGBs auf Wirksamkeit nach §§ 305 ff. BGB (Verbraucher-Kontext). Markiere jede Klausel als (a) unproblematisch, (b) grenzwertig, (c) wahrscheinlich unwirksam — jeweils mit Begründung. AGB: [Text]
Prompt 7: Vergleichs-Vorschlag
Prompt: Mandant [Name] hat folgenden Konflikt: [Beschreibung]. Aktueller Stand: Klage steht bevor. Erstelle 3 verschiedene Vergleichs-Vorschläge — (1) für meinen Mandanten optimistisch, (2) realistisch, (3) konservativ. Pro Vorschlag: Hauptpunkte, geschätzte Erfolgschance, Argumente für den Verhandlungspartner.
Prompt 8: Mahnung mit Fristsetzung
Prompt: Schreibe eine Mahnung an [Empfänger]. Vorgang: [Beschreibung Forderung, Höhe, Datum]. Anforderungen: erste Mahnung (Ton sachlich-bestimmt), Zahlungsfrist 14 Tage, Hinweis auf rechtliche Schritte bei Nichtzahlung, Anlage der Rechnungskopie erwähnt.
Prompt 9: Sachverhalts-Strukturierung
Wenn ein Mandant unstrukturiert erzählt — du hast eine 4-seitige Schilderung und brauchst eine saubere Chronologie:
Prompt: Strukturiere die folgende Mandantenerzählung in eine chronologische Sachverhaltsdarstellung. Format: (1) Datum/Zeitraum, (2) Ereignis sachlich, (3) Beteiligte, (4) etwaige Beweismittel oder Belege. Markiere Lücken, in denen ich nachfragen sollte.
Prompt 10: Honorar-Aufstellung erklären
Prompt: Erstelle aus folgenden Stundenaufzeichnungen eine Honorarrechnung-Begründung für den Mandanten. Zähle Tätigkeiten zusammenfassend nach Bereichen (Recherche, Schriftsätze, Mandantengespräche). Schreibe eine kurze Begründung für den Mandanten in einfachen Worten. Stundensätze: [Liste]
Prompt 11: Beweismittel-Analyse
Prompt: Analysiere die folgenden Dokumente als Beweismittel für unseren Fall [Beschreibung]. Pro Dokument: (1) Was beweist es konkret, (2) wie stark ist die Beweiskraft, (3) Schwächen oder Angriffspunkte der Gegenseite, (4) ergänzende Beweismittel empfehlenswert? Dokumente: [Liste / Anhänge]
Prompt 12: Compliance-Check für KI-Nutzung
Wenn ihr selbst KI in der Kanzlei einsetzen wollt — der EU AI Act schaut zu:
Prompt: Bewerte die folgende Nutzung von KI in unserer Kanzlei aus Sicht des EU AI Act: [Beschreibung des Use-Cases]. Bewerte: (1) Risiko-Kategorie (verboten / hoch / begrenzt / minimal), (2) Welche Compliance-Pflichten ergeben sich, (3) welche Mitarbeiter müssen geschult werden, (4) welche Dokumentation ist erforderlich.
Gemeinsame Bausteine — warum die Prompts funktionieren
Wenn du die 12 Prompts oben durchgehst, fallen dir Wiederkehrendes auf:
- Rolle definieren: „Du bist Wirtschaftsanwältin...“ aktiviert die richtige Sprachebene.
- Klare Struktur: Nummerierte Output-Anforderungen sorgen für planbare Ergebnisse.
- Quellenpflicht: §§ und Az. immer im Output verlangen — und immer manuell verifizieren.
- Ziel-Adressat benennen: „Verständlich für Nicht-Juristen“ liefert anderen Ton als „für Schriftsatz“.
Sicherheits-Hinweis: Vertrauliche Mandantendaten gehören niemals in Cloud-LLMs ohne explizite Datenschutz-Vereinbarung. Für sensible Fälle ist eine lokale Snowbyte-Installation Pflicht. Die Prompts oben funktionieren mit beiden — sie sind modell-agnostisch.
Wie geht's weiter?
Wenn du tiefer einsteigen willst, lies RAG vs. Fine-Tuning — dort erklären wir, wie du deine Kanzlei-Akten als Wissens-Basis anbindest. Und Lokal vs. Cloud-KI ist Pflichtlektüre, bevor du Mandanten-Daten in ein KI-System packst.